Sicherheitskonferenz in Moskau

Gegenstück zur Münchener Sicherheitskonferenz: Erste Eindrücke von der Sicherheitskonferenz in Moskau

In Moskau fand vom 23. bis 25. April das Gegenstück zur Münchener Sicherheitskonferenz, die Moscow Conference on International Security, statt. Ich hatte die Möglichkeit, sie einen Tag als Journalist vor Ort zu beobachten. Hier ein kurzer erster Bericht.

Ich werde einige Reden der Konferenz mit der Zeit in kompletter Übersetzung veröffentlichen, sobald sie auf Russisch online sind. Einige Vorträge waren wirklich interessant und enthielten selbst für mich, der ich mich täglich mit den Themen beschäftige und auch russische und andere Sichtweisen lese, viel Neues. Heute möchte einen ersten Überblick über die meiner Ansicht nach interessantesten Vorträge geben.

In seiner Eröffnungsrede kam der russische Verteidigungsminister Schoigu auf die umstrittene Raketenabwehr der USA zu sprechen, die unter anderem in Rumänien und Polen aufgebaut wird. Er wies auf die bekannte Tatsache hin, dass eine solche Abwehr nie in der Lage sein wird, alle angreifenden Raketen abzufangen. Ein solches Abwehrsystem vermittelt daher eine trügerische Sicherheit und erhöht die Gefahr eines atomaren Krieges in Europa und der Welt, wenn sich eine Seite irrtümlich wegen einer Raketenabwehr in Sicherheit wiegt und auf die Idee kommt, einen solchen atomaren Konflikt gewinnen zu können.

Im übrigen ist ein solches System auch keineswegs ein defensives, sondern ein offensives System. Bei einem Atomkrieg geht es darum, das atomare Potenzial des Gegners als erster auszuschalten, wenn man einen solchen Krieg gewinnen will. Und genau darin liegt die trügerische Sicherheit des Systems: Man könnte auf die Idee kommen, in einem „Enthauptungsschlag“ die meisten Atomwaffen des Gegners ausschalten zu können und die wenigen „Reste“ des Gegenschlages mit einer Raketenabwehr neutralisieren zu können.

Das ist schon unter normalen Umständen recht unrealistisch, unter Berücksichtigung der neuen russischen Hyperschallraketen, die von der US-Raketenabwehr gar nicht abgefangen werden können, ist es der reine Wahnsinn. Aber trotzdem gibt eine solche Raketenabwehr eine trügerische Sicherheit und erhöht damit die Gefahr eines Atomkrieges. Daher haben die Supermächte im Kalten Krieg ja auch den ABM-Vertrag geschlossen, der solche Systeme verboten hat. Das hielt die Abschreckung aufrecht und hat den Frieden gesichert. Pervers, aber so funktioniert die Logik der Abschreckung im Atomzeitalter.

Diese wichtigen Abrüstungsverträge haben die USA einen nach dem anderen gekündigt. Und obwohl die nun wieder mögliche Stationierung von atomaren Kurz- und Mittelstreckenraketen in Europa in erster Linie die Europäer bedroht, haben sie die USA nur für die Öffentlichkeit kritisiert, aber hinter den Kulissen und unbemerkt von den „kritischen“ Mainstream-Medien in Wahrheit die einseitige Kündigung durch die USA unterstützt. Über die Kündigung des INF-Vertrages zum Beispiel hat Gorbatschow einen wichtigen und intelligenten Artikel veröffentlicht, der auch im Westen zur Pflichtlektüre gehören müsste, von den Mainstream-Medien aber ebenfalls unter dem Teppich gehalten wurde. Denn: Wer kann schon Russisch und solche Artikel lesen? 

Hinter dieser Politik der USA steckt ein Kalkül des Kalten Krieges, nämlich der Versuch, einen atomaren Schlagabtausch auf Europa und Russland zu beschränken. Dem aber hat Russland bereits einen Strich durch die Rechnung gemacht und den USA aufgezeigt, dass sie im Falle eines Angriffs gegen Russland nicht damit rechnen können, ungeschoren zu bleiben. Letztlich hat Russland damit – ob gewollt oder nicht – den Europäern eine Sicherheitsgarantie gegeben, denn die USA wissen nun, dass Russland ein solches Spiel auf Kosten Europas nicht durchgehen lässt.

Aber trotzdem kann die Stationierung eines Raketenabwehr-Systems manch einem „Experten“ und Entscheidungsträger das Gefühl der Unverwundbarkeit vermitteln, obwohl es eine solche Unverwundbarkeit bei einem atomaren Schlagabtausch – wie ausgeführt – nicht gibt. Und so sagte der Chef des russischen Generalstabes bei der auf die Begrüssungsreden folgende Podiumsdiskussion auch deutlich, dass sich die Europäer gut überlegen müssten, ob sie das aus der Stationierung eines solchen Systems und der Stationierung neuer atomarer Kurz- und Mittelstreckenraketen resultierende Risiko eingehen wollen.

Aber bei der Konferenz ging es nicht nur um dieses Thema. Zum 20. Jahrestag des völkerrechtswidrigen Krieges der Nato gegen Jugoslawien war auch diese Vergangenheit ein Thema. Besonders eindrücklich war hierzu die Rede des serbischen Verteidigungsministers, der in seinem Vortrag nicht nur über den Krieg und die vielen zivilen Toten referierte, die es bei der Bombardierung ziviler Ziele in Belgrad oder auch der Bombardierung eines Passagierzuges gegeben hat. Er sprach auch über die Langzeitfolgen, mit denen sein Land zu kämpfen hat, denn die USA haben Uranmunition benutzt und in Teilen Serbiens ist nun die Krebsrate explodiert. Die Folgen des in Deutschland längst vergessenen Krieges sind in Serbien also noch allgegenwärtig und keineswegs vergessen.

Und so sagte der serbische Verteidigungsminister einen viel beachteten Satz zu den Versuchen des Westens, sein Land nach diesen ungesühnten Kriegsverbrechen der Nato in die Nato einzureihen und so gegen seinen traditionellen Partner Russland in Stellung zu bringen:

„Für den Frieden geben viel, für unsere Freiheit aber geben wir alles!“

Aber auch die moderne Kriegführung, die außerhalb der Wahrnehmung der Medien stattfindet, war ein Thema. Es ging ausführlich um hybride Kriege, um Cyber-Kriege, um Wirtschaftskriege durch Sanktionen und um „Farbrevolutionen“, mit denen die USA in den letzten Jahrzehnten weltweit Regierungen gestürzt haben, die ihnen nicht gepasst haben. Als Beispiele seien hier der Maidan und die Orangene Revolution in der Ukraine, die Rosenrevolution in Georgien oder auch die heutigen Vorgänge in Venezuela genannt.

Ausführlich wurden die Methoden und „Waffen“ in solchen „unsichtbaren“ Auseinandersetzungen thematisiert, analysiert und ihre Anwendung durch den Westen belegt. Es wurden die Sanktionen genannt, über deren Folgen der iranische Verteidigungsminister ausführlich referierte und er machte an die Adresse der USA in deutlichen Worten klar, dass der Iran sich gegen die völkerrechtswidrigen Sanktionen der USA zu wehren wisse.

Auch der Informationskrieg war ein Thema, bei dem der Westen seine Bevölkerung medial auf die gewünschten Feindbilder einschwört. Mit Hilfe eines koordinierten medialen Dauerfeuers werden in der westlichen Öffentlichkeit Feindbilder geschaffen, wozu NGOs genutzt werden, die zu transatlantischen Netzwerken gehören und in denen praktischerweise die Chefredakteure der bedeutenden westlichen Medien gut bezahlte Posten als Beiräte und ähnliches haben und wo sie auf Veranstaltungen für gute Honorare kurze Reden halten dürfen.

Als Journalisten waren wir in den Presseräumen und konnten die Diskussionen auf großen Bildschirmen verfolgen. Manchmal wurden wir auch herausgerufen, wenn sich ein Teilnehmer den Fragen der Journalisten stellte. Besonders interessant war hier der malaysische Verteidigungsminister Mohamad Sabu. Sabu warf dem Westen ganz unverholen Unterstützung des internationalen islamistischen Terrors vor. So sagte er etwa:

„Der IS ist ein Kind, das Eltern hat, die sich überlegen sollten, was sie da tun!“

Auf der Konferenz waren sowohl die Journalisten, als auch die Teilnehmer Experten, denen man nicht die CIA-Operation Timber-Sycamore erklären musste, mit der der IS zu Beginn des Syrien-Kriege bewaffnet wurde. Es wusste auch so jeder, dass die USA mit „Eltern“ gemeint waren.

Generell war die Konferenz mit ihren hochrangigen Teilnehmern aus Asien, Afrika und Südamerika schon deshalb ein interessantes Erlebnis, weil man dort sofort feststellen konnte, dass die von westlichen Medien erzählte Geschichte von der „internationalen Isolation Russlands“ ein Märchen ist. Der aufmerksame Leser der westlichen Medien kann das aber auch feststellen, wenn er sich zum Beispiel die Artikel über Venezuela nüchtern anschaut. Dort kann man lesen, dass ca. 50 Länder den Putschisten Guaido unterstützen. Dabei handelt es sich um Vasallen der USA, die der Linie Washingtons folgen. Aber auf der Welt gibt es über 190 Länder, das bedeutet, dass über 140 Länder, also knapp 3/4 der Weltgemeinschaft, die legitime Regierung von Maduro unterstützen. Wer ist nun isoliert? Die 50 Länder, oder die 140?

Nur werden diese 140 Länder, die dem Kurs des Westens kritisch gegenüber stehen, in der westlichen Presse nie erwähnt, dann klingt die Unterstützung der Politik des Westens durch 50 Länder nach viel, dabei handelt es sich um eine Minderheit der Weltgemeinschaft.

Wer sich übrigens an dem Wort „Vasall“ für die „Verbündeten“ der USA stört, der wurde auf der Konferenz eines besseren belehrt, als Minister, aber auch Professoren angesehener Institute aus Frankreich und Italien, dort offen erzählten, dass europäische Länder ihre Teilnahme an der Konferenz ursprünglich zugesagt hatten, dann aber diese Teilnahme von den USA „untersagt“ wurde. Was sind dann aber die Europäer anderes, als Vasallen der USA, wenn sie nicht einmal selbst entscheiden dürfen, zu welcher Konferenz sie fahren?

Im Gegensatz zu den europäischen Ländern waren übrigens alle nennenswerten Organisationen wie Internationales Rotes Kreuz, OSZE oder UNO mit ihren Vorsitzenden oder deren Stellvertretern auf der Konferenz vertreten.

Warum die US-Raketenabwehr kein defensives, sondern ein offensives Waffensystem ist

Auch wenn man von der US-Raketenabwehr in den Medien nicht mehr viel hört, ist sie vielleicht das heißeste Thema unserer Zeit. Die Frage von Krieg und Frieden hängt direkt mit ihr zusammen. In den Medien wird sie als rein defensives System dargestellt. Dass das nicht so ist, kann jeder innerhalb von zehn Minuten mit Hilfe von Google herausfinden. Daher möchte ich das hier einmal mit Ihnen gemeinsam tun.

Um die Raketenabwehr zu verstehen, muss man die Vorgeschichte kennen und vor allem die perverse Logik der atomaren Rüstung und Abschreckung verstehen.

Die atomare Abschreckung, der wir es verdanken, dass der Kalte Krieg nie ein heißer Krieg wurde, funktioniert nach einem denkbar einfachen Prinzip: Wenn ich weiß, dass ich im Falle eines Angriffes auch vernichtet werde, dann werde ich nicht angreifen. Man sagte damals auch: „Wer als erster auf den Knopf drückt, ist als zweiter tot“.

Die Supermächte des Kalten Krieges schlossen daher den ABM-Vertrag, der es ihnen untersagte, Raketenabwehr-Systeme zu entwickeln. Man wollte sicher gehen, dass keine Seite sich aufgrund von Abwehrsystemen sicher vor einem Gegenschlag des Gegners fühlen konnte.

Und da erkennt man auch schon den Sinn einer Raketenabwehr: Sie sorgt für ein Gefühl der Sicherheit, sodass man in Versuchung kommen könnte, einen atomaren Erstschlag zu führen und dabei das Potenzial des Gegners so weit zu zerstören, dass der schwache Gegenschlag des Feindes durch die eigene Abwehr neutralisiert werden könnte.

Eine Raketenabwehr ist also keineswegs ein defensives System, sie macht im Gegenteil einen atomaren Angriff erst möglich. Den Erstschlag eines Gegners kann man kaum abwehren. Das gilt sowohl für die USA, als auch für Russland. Bei einem Erstschlag wird das gesamte atomare Arsenal auf einen Schlag gestartet, das sind tausende Raketen, das macht eine Abwehr praktisch unmöglich. Aber nach einem erfolgreichen Erstschlag die traurigen Reste des Feindes bei seinem Gegenschlag abzufangen, das erscheint mit einer Raketenabwehr möglich.

Diese trügerische Sicherheit haben sich die Supermächten im Kalten Krieg durch den ABM-Vertrag genommen. Als jedoch Russland nach der Jelzin-Ära am Boden lag, fühlten sich die USA so überlegen, dass sie den ABM-Vertrag kündigten und begannen, eine Raketenabwehr zu entwickeln.

Nun kommen wir zu den Details, wie so eine Raktenabwehr funktioniert, denn das ist wichtig für das Verständnis dafür, wie es Russland offensichtlich gelungen ist, diese auszuhebeln, noch bevor sie vollständig installiert wurde.

Man ging in den USA bei der Entwicklung der Raketenabwehr davon aus, dass man ballistische Raketen abfangen muss. Diese Raketen fliegen auf eine ballistischen Flugbahn, die sich recht einfach vorausberechnen lässt. Wenn man also einen Raketenstart beobachtet, kann man relativ schnell den Kurs der Rakete berechnen und diese dann abfangen, indem man eine Rakete abfeuert, die den vorausberechneten Kurs der angreifenden Rakete kreuzt und sie zerstört.

Für dieses Abfangen gab es zwei mögliche Zeitpunkte: Entweder relativ kurz nach dem Start, oder relativ kurz vor dem Einschlag der Rakete. Auf beides bereiteten sich die USA vor.

Um eine russische Rakete kurz nach dem Start zu treffen, muss man die Raketenabwehr möglichst dicht an Russlands Grenzen platzieren. Daher wurde die Raketenabwehr in Rumänien aufgestellt und wird derzeit in Polen aufgestellt. Dies auch in der Ukraine zu tun, war wohl geplant, ist aber derzeit ausgeschlossen.

Aber diese beiden Standorte an Land sind nur ein winziger Teil der Raketenabwehr. Außerdem sind über 100 Schiffe mit den Raketenabwehrsystemen ausgerüstet oder werden gerade extra für sie gebaut. Damit kann man Russland auch von der Ostsee, dem Nordmeer, dem Pazifik und dem Schwarzen Meer einkreisen.

Hinzu kommt, dass die Raketenabwehr als Startrampe das System MK-41 nutzt. Dieses System ist universell einsetzbar und kann sowohl Abwehrraketen abfeuern, als auch Tomahawk-Marschflugkörper, die wiederum atomare Sprengköpfe tragen können. Damit wird das US-Raketenabwehrsystem gleichzeitig zu einer Angriffswaffe, mit der man Marschflugkörper in unmittelbarer Nähe der russischen Grenze starten kann, die innerhalb von 10-12 Minuten fast jedes Ziel in Russland mit Atomwaffen angreifen können.

Übrigens war diese Aufstellung der MK-41 in Rumänien ganz nebenbei ein offener Bruch des INF-Vertrages, den die USA inzwischen gekündigt haben, um nun auch legal Tomahawk-Marschflugkörper an der russischen Grenze aufzustellen, was der Vertrag bis dahin verboten hat. Aber obwohl jeder das sofort selbst sogar auf Wikipedia nachlesen kann, behauptet die westliche Presse, dass nicht die USA, sondern Russland gegen den Vertrag verstoßen haben.

Inzwischen haben die USA alle Abrüstungsverträge des Kalten Krieges bis auf einen gekündigt, eine genaue Aufstellung finden Sie hier.

Die geringe Vorwarnzeit beim Einsatz solcher Marschflugkörper macht die Sache so gefährlich. Wenn Russland verdächtige Raketen entdeckt, hat es nur wenige Minuten Zeit, um zu entscheiden, ob es atomar reagieren soll oder nicht.

Und genau das ist der Unterschied zum Kalten Krieg: Damals war die Sache einfacher, man bedrohte sich mit Interkontinentalraketen, die eine längere Flug- und damit Vorwarnzeit hatten. Heute schaffen die USA hingegen einen Ring von Raketenstellungen in Europa und vor allem auf See rund um Russland, bei dem die Zeit für eine Entscheidung auf ein bis zwei Minuten reduziert wird. Und diese Raketenstellungen können erstens mit Tomahawk-Marschflugkörper einen Erstschlag führen und zweitens mit den Abwehrraketen versuchen, den russischen Gegenschlag abzufangen.

Hinzu kommt, dass die USA ein hochgeheimes, unbemanntes Shuttle mit dem Namen X-37 haben, von dem man praktisch nichts weiß, das aber seit 2010 erprobt wird. Die einen sagen, es soll feindliche Satelliten ausschalten können, andere sagen, es sei zur Spionage gedacht und wieder andere sagen, es soll Atomwaffen direkt aus dem Orbit abfeuern, was ebenfalls eine nur sehr kurze Vorwarnzeit bedeuten würde.

Und während Obama in der Öffentlichkeit von nuklearer Abrüstung sprach, intensivierte er gleichzeitig massiv in die US-Pläne für die Raketenabwehr und in die Modernisierung der US-Atomwaffen.

Russland kannte die Pläne der USA natürlich. Nicht etwa, weil es so gute Spione hatte, sondern weil sie für jeden Experten offensichtlich waren. Die offiziellen Erklärungen der USA, dass der Raketenschirm gegen Bedrohungen aus den Iran und Nordkorea gerichtet sei, waren von Anfang an absurd. Dann hätte man ihn in Japan, Südkorea, der Türkei, Saudi-Arabien und so weiter aufgestellt, aber eben nicht in Europa. Auch hätte es dafür keine hundert Schiffe benötigt, deren Planung, Bestellung, Bau und Ausrüstung jeder Experte schon aus dem öffentlich zugänglichen Budget des Pentagon ersehen konnte.

Putin hat daher schon 2005 angekündigt, sich nicht in ein klassisches Wettrüsten hineinziehen zu lassen, um ebenfalls ein so teures Abwehrsystem zu entwickeln. Russland hätte das auch gar nicht finanzieren können. Er hat stattdessen angekündigt, Raketen zu entwickeln, die eine Raketenabwehr umgehen können. Das wurde belächelt, denn Russland lag damals als Folge der Jelzin-Ära noch am Boden.

Jedoch hat Putin dem Taten folgen lassen und bei dem russischen Eingreifen in Syrien 2015 hat Russland zu Anfang medienwirksam Marschflugkörper eingesetzt, die aus dem kaspischen Meer tausende Kilometer weit in Bodennähe über Gebirge und Wüsten geflogen sind, um dann Ziele des IS in Syrien auf einen Meter genau zu treffen und zu zerstören. Auch von U-Booten im Mittelmeer und von strategischen Bombern wurden diese neuen russischen Marschflugkörper vom Typ Kalibr abgefeuert.

Militärisch wäre das nicht nötig gewesen, man hätte die Ziele auch „klassisch“ mit Flugzeugen zerstören können. Es war eine Machtdemonstration, die den USA zeigen sollte, dass Russland nun ebenfalls über funktionierende Marschflugkörper verfügt, die für die US-Raketenabwehr nicht zu erreichen sind, weil sie keine ballistische Flugbahn nutzen.

Der Schock bei den westlichen Militärexperten war damals mit den Händen zu greifen. Nun wussten die USA, dass Russland die USA auch von U-Booten vor der US-Küste erreichen konnte. Zwar kann man Marschflugkörper auch zum Beispiel mit Patriot-Systemen abfangen, aber es ist ungleich schwieriger und es gibt keine Garantie, dass es tatsächlich funktioniert.

Im russischen Fernsehen wurde dies in einem sehr interessanten Beitrag im Detail erklärt, damit auch der letzte Analyst in Washington verstehen würde, dass man sich bei einem Erstschlag gegen Russland in Washington keineswegs sicher fühlen kann. Dort wurden all die „Entscheidungszentren“ der USA namentlich genannt, die Russland mit solchen Waffen erreichen kann. Jeder betroffene General der USA sollte wissen, dass er im Falle eines Angriffs in seinem Büro nicht sicher ist. Auch diese Sendung muss man als deutliche Botschaft an die USA ansehen.

Man muss dazu wissen, dass sowohl in den USA als auch in Russland Analysten sitzen, deren einzige Aufgabe es ist, Reden von Politikern und Sendungen von regierungsnahen TV-Sendern auszuwerten. Und in der Sendung sprach der Moderator die USA direkt an. Deutlicher geht es nicht.

Und als ob das noch nicht genug wäre, hat Russland auch noch mitgeteilt, dass es Hyperschallraketen entwickelt hat, die mit zehnfacher Schallgeschwindigkeit fliegen und daher für keinerlei existierende Abwehr erreichbar sind. Das sind Waffen, an deren Entwicklung die USA bisher gescheitert sind.

Auch diese Waffen wurden von Russland öffentlich getestet und vorgeführt und sollten den USA ebenfalls das Gefühl der Unangreifbarkeit nehmen. Ein US-Experte erklärte eine der neuen russischen Raketen in einer Reportage so: „Die fliegen recht tief und Du denkst, Du weißt, was sie tut. Dann plötzlich steigt sie steil auf, beschleunigt um das dreifache und knallt von oben ins Ziel. Das ist wie beim Eishockey, wenn Du den gegnerischen Stürmer siehst und plötzlich ist der Puck im Tor und Du weißt gar nicht, wie er dahin gekommen ist.“

All das schützt Russland nicht vor einem möglichen atomaren Erstschlag der USA, aber es macht den USA deutlich, dass sie den Gegenschlag nicht mit ihrer Raketenabwehr abfangen können.

In einem solchen Konflikt wäre Europa das Schlachtfeld. Wir können nur hoffen, dass die Entscheidungsträger in den USA Russland ernst nehmen und nicht an die Illusion der eigenen Unverwundbarkeit glauben. Denn egal, wie so ein Konflikt ausgehen würde, Europa wäre danach unbewohnbar.

All dies sollte man im Hinterkopf haben, wenn man mal wieder in den Medien liest, dass die Raketenabwehr der USA ein defensives System ist. Das Gegenteil ist der Fall, auch wenn das Wort „Abwehr“ etwas anderes suggeriert.

Was hat es mit den neuen russischen Waffensystemen auf sich? Eine Zusammenfassung

 

In letzter Zeit liest man immer wieder Artikel über neue russische Waffensysteme. Ich möchte nun die vielen russischen Neuentwicklungen einmal näher betrachten und, wenn möglich, mit ihren amerikanischen Gegenstücken vergleichen.

 

Im März 2018 machte eine Ansprache Putins Schlagzeilen, in der er gleich sechs neue russische Waffensysteme präsentierte, die bei Experten für Erstaunen und auch für Unglauben gesorgt haben. Es gab auch Zweifel, ob all dies tatsächlich der Wahrheit entsprach. Tatsächlich sind noch nicht alle diese Waffen auch bei den Streitkräften eingeführt und einige sind noch in der Entwicklung.

 

Die Vorgeschichte dieser neuen Waffen ist schnell erzählt. Als die USA unter Bush Junior den ABM-Vertrag über das Verbot von Raketenabwehrsystemen gekündigt haben, hat Putin gesagt, dass Russland darauf asymmetrisch antworten werde. Russland habe kein Geld, selbst derart teure Systeme zu entwickeln und werde stattdessen Raketen entwickeln, die für solche Systeme nicht erreichbar sind.

 

Nun muss man sich erinnern: Damals, vor 16 Jahren, lag Russland am Boden und war bankrott, sein BIP war geringer, als das von Polen. Niemand nahm Putins Warnungen ernst, niemand glaubte, dass Russland das leisten könnte.

 

Danach war einige Jahre Ruhe, die Öffentlichkeit hatte die Ankündigungen Russlands wieder vergessen, bis Putin im März 2018 die Katze aus dem Sack ließ und seine Antwort auf die US-Raketenabwehr präsentierte.

 

Die erste Rakete, die Putin präsentierte, war die „Sarmat“ (Nato Bezeichnung SS-X-30 Satan2). Das ist eine ballistische Interkontinentalrakete, die sich von anderen in ihrer größeren Reichweite unterscheidet. Sie kann ihre Sprengköpfe über den Umweg über den Südpol ins Ziel bringen, was dazu führt, dass die Sprengköpfe die USA aus Richtungen anfliegen können, die (bisher) nicht durch Abwehrsysteme geschützt sind. Außerdem sind die Sprengköpfe in der Lage, auf ihrem Weg ins Ziel den Kurs zu ändern, was es für eine Raketenabwehr sehr schwer macht, sie zu treffen.

 

Hierzu muss man wissen, wie heutige Raketenabwehrsysteme funktionieren. Sie sind darauf ausgerichtet, ballistische Raketen abzufangen. Eine ballistische Flugbahn kann man vorausberechnen. Wenn das Radar eine solche Rakete entdeckt, wird der Kurs berechnet und die Abwehrrakete fliegt der angreifenden Rakete entgegen, um sie an einem vorausberechneten Punkt zu treffen und zu zerstören. Wenn aber die angreifende Rakete im Anflug ständig den Kurs ändert, dann wird es fast unmöglich, sie zu treffen, weil sie nicht an dem vorausberechneten Punkt ankommt, sondern woanders sein wird.

 

Diese Schwäche machen sich alle neuen russischen Raketen zu Nutze. Die Russen scheinen auf dem Gebiet große Fortschritte gemacht zu haben, die sie in alle ihre neuen Raketen haben einfließen lassen.

 

Aber damit nicht genug, die Russen haben auch Raketen entwickelt und zum Teil bereits in Dienst gestellt, die etwas können, woran im Westen bisher alle gescheitert sind. Sie können im Hyperschallbereich fliegen, also schneller als zehnfache Schallgeschwindigkeit. Das stellt besondere Schwierigkeiten dar, weil sich die Außenhaut von Objekten bei derartigen Geschwindigkeiten auf tausende Grad erhitzt, ganz so, wie ein aus All zurückkehrendes Raumschiff oder ein einschlagender Asteroid. Dabei bildet sich um den Flugkörper eine Blase aus unglaublich heißem Plasma. Welche Herausforderungen diese Temperaturen an die Flugkörper stellen, verstehen wir, wenn wir uns erinnern, dass das Space Shuttle Columbia abgestürzt ist, weil es diese Temperaturen nach einem Schaden am Hitzeschild nicht überstanden hat. Und die Russen sagen nicht nur, dass sie diese Probleme im Griff haben, sie behaupten auch noch, dass ihre Raketen manövrieren können, obwohl sie in dieser Plasmablase stecken.

 

So war die nächste Waffe, die Putin damals vorstellte, die Hyperschallrakete „Kinschal“ (übersetzt Dolch). Diese Rakete ist eine Luft-Boden-Rakete, die von Flugzeugen aus sowohl gegen Bodenziele, als auch gegen Schiffe eingesetzt werden kann und dabei zehnfache Schallgeschwindigkeit erreicht. Da es derzeit im Westen keine Abwehrsysteme gibt, die Objekte mit derartiger Geschwindigkeit abfangen können, stellt diese Rakete vor allem eine große Gefahr für die US-Flugzeugträger dar. Die Rakete ist sowohl konventionell, als auch atomar bestückbar. Aber allein aufgrund ihrer Geschwindigkeit erreicht sie eine so große kinetische Energie, dass ein Treffer reichen müsste, ein mittleres Schiff zu versenken, selbst ohne Sprengkopf.

 

Eine weitere Rakete, die Putin vorstellte, war die „Avangard“. Das ist wieder eine Interkontinentalrakete, jedoch keine, die auf einer ballistischen Flugbahn fliegt. Sie fliegt wie ein Marschflugkörper wenige Meter über dem Boden, kann aber auch in großer Höhe bis hin zum niedrigen Erdorbit fliegen. Russischen Angaben nach ist die Rakete bei Tests mit bis zu Mach 27 geflogen, dabei bleibt sie manövrierbar, was es für ein Abwehrsystem – neben der hohen Geschwindigkeit – unmöglich macht, sie zu abzufangen. Die „Avangard“ ist keine Rakete im eigentlichen Sinne, sie wird von Raketen wie der „Sarmat“ gestartet und auf Geschwindigkeit gebracht, bevor sie sich von der Trägerrakete löst und selbst weiterfliegt. Die „Avangard“ ist 2018 bei den russischen Streitkräften eingeführt worden.

 

Eine weitere Hyperschallrakete, die Russland derzeit entwickelt, ist die „Zircon“, eine Anti-Schiffsrakete. Sie soll Mach 8, also fast 10.000 Kilometer pro Stunde, erreichen und eine maximale Reichweite von ca. 1.000 Kilometern haben. Auch dies also eine Waffe, die mit heute verfügbaren Abwehrsystemen kaum erreichbar ist und ebenfalls eine Gefahr für die Flugzeugträger der USA darstellt, denn sie kann von Schiffen, U-Booten, Flugzeugen und vom Land aus abgefeuert werden.

 

Außerdem hat Russland auch noch die Unterwasserdrohne „Poseidon“ vorgestellt, wobei es sich hierbei um einen autonomen Roboter handelt, der atomgetrieben ist und daher eine praktisch unbegrenzte Reichweite hat und ebenfalls kaum abzufangen ist, da er kleiner und leiser ist, als ein U-Boot und wohl auch tiefer tauchen kann. Hinzu kommt, dass die Russen bei der „Poseidon“ eine Technik einsetzen, die schon bei ihrem Torpedo „Schkwal“ zum Einsatz kam. Dabei handelt es sich um die sogenannte „Superkavitation“, das bedeutet, dass diese Waffen unter Wasser Geschwindigkeiten von bis zu 400 Kilometer pro Stunde erreichen können. Da das im dichten Element Wasser eigentlich gar nicht möglich ist, bilden sie um sich eine sogenannte Kavitationsblase aus Wasserdampf. Diese Waffen sind derzeit nicht abwehrbar und daher ebenfalls eine große Gefahr für Flugzeugträger. Außer Russland hat auch die deutsche Rüstungsschmiede Diehl einen Prototyp eines Kaviationstorpedos entwickelt, er wurde aber nie produziert, außer Russland verfügt kein Land über diese Technik.

 

Bei der „Poseidon“ kommt hinzu, dass sie von U-Booten überall auf der Welt unbemerkt abgesetzt werden und erst viel später aktiviert werden kann. Dabei kann sie sich sowohl langsam und unbemerkt bewegen, sie kann aber auch in die Superkavitation umschalten und mit hunderten Kilometern pro Stunde ihre Ziele angreifen. Und sie kann auch Atomwaffen zum Beispiel in Hafenstädte tragen und dort zünden.

 

Der Grund, warum Russland die Entwicklung derartiger Waffen forciert hat, liegt in der US-Raketenabwehr, die in Europa aufgestellt wurde. Denn anders als der Name sagt, ist es keineswegs eine ausschließliche „Abwehr“-Waffe. Diese Raketenabwehr würde es den USA auch ermöglichen, Russlands Atomwaffen mit einem Erstschlag auszuschalten und die dann schwache militärische russische Antwort mit der Raketenabwehr abzufangen. So war der Plan, die Raketenabwehr sollte die USA unverwundbar machen für einen russischen (Gegen-) Angriff.

 

Daher hat Russland einerseits Raketen entwickelt, gegen die die Raketenabwehr nutzlos ist und andererseits mit der „Poseidon“ auch ein System entwickelt, das einen russischen Gegenschlag auch nach einem erfolgreichen US-Angriff gegen Russland selbst ermöglicht.

 

Sicherer ist die Welt durch die US-Raketenabwehr jedenfalls nicht geworden.

 

All diese bisher erwähnten neuen russischen Waffensysteme sind einmalig in der Welt und basieren auf Techniken (Hyperschall, Superkavitation), die offiziell noch niemand sonst beherrscht.

 

Es gibt aber auch andere russische Neuentwicklungen, für die es vergleichbare Waffensysteme in den USA gibt. Die wollen wir uns nun auch mal ansehen und versuchen, sie zu vergleichen.

 

2011 hat Russland begonnen, den Marschflugkörper „Kalibr“ bei den Streitkräften einzuführen. Das amerikanische Gegenstück ist die „Tomahawk“. Beide Waffen werden von Flugzeugen, Schiffen und U-Booten abgefeuert. Die „Tomahawk“ hat eine Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern und kann einen 450 Kilo-Sprengkopf tragen. Die „Kalibr“ hat nur eine geringfügig größere Reichweite und Nutzlast, allerdings arbeiten die Russen an einer Version mit einer Reichweite von bis zu 4.500 Kilometern und einer Nutzlast von einer Tonne. Die USA haben die „Tomahawk“ oft und in vielen Kriegen eingesetzt, die Russen haben ihre „Kalibr“ in Syrien erstmals eingesetzt und das mit großem Erfolg.

 

Auch in Sachen Raketenabwehr ziehen die Russen nun nach. Derzeit wird die „Nudol“ getestet, eine Rakete, die sowohl ballistische Interkontinentalraketen abfangen können soll, aber auch gegen Satelliten einsetzbar ist.

 

Im Sommer 2015 haben die Russen erstmals die neue Plattform für Panzer, „Armata“, öffentlich gezeigt. Auf dieser Basis sollen sowohl neue Schützen- und Kampfpanzer wie der T-14 gebaut werden, als auch Panzermörser, Minenräumpanzer, Jagdpanzer, Minenlegepanzer und Brückenlegepanzer. Bisher werden Kampf- und Schützenpanzer erprobt und sollen demnächst in die Streitkräfte aufgenommen werden. Es handelt sich dabei um die erste Neuentwicklung eines Panzers seit dem Ende des Kalten Krieges, die Konkurrenz der Deutschen, Leopard 2, und der Amerikaner, Abrams, sind jeweils auf vierzig Jahre alten Plattformen gebaut. Die Vorstellung des „Armata“ hat für einige Nervosität im Westen gesorgt, da seine Panzerung wohl mit herkömmlicher Antipanzerwaffen nicht zu durchschlagen ist. Einzig Bomben mit angereichertem Uran dürften diesen Panzer stoppen können.

 

Interessant ist auch die Entwicklung bei den Kampfflugzeugen Die USA haben die F-35 2015 in Dienst gestellt und seit dem macht sie immer wieder mit technischen Problemen Schlagzeilen, während sie andererseits mit einem Stückpreis von weit über 100 Millionen Dollar unglaublich teuer ist. Zum Vergleich: Der Eurofighter kostet je nach Ausführung 45 bis 60 Millionen.

 

Die USA haben bei der F-35 viel Wert auf Stealth-Eigenschaften gelegt. Russland testet derzeit sein Gegenstück, die SU-57. Auch die Russen versprechen, ihr Flugzeug habe gute Stealtheigenschaften, aber sie haben auch die Flugfähigkeit nicht vergessen. Die Einsatzreichweite, die Marschgeschwindigkeit und die Höchstgeschwindigkeit der SU-57 sind denen der F-35 überlegen. Hier muss man zwar vorsichtig sein, da vieles, was diese beiden Flieger angeht, noch geheim ist und diese Angaben daher nicht überprüfbar sind, aber die Probleme, die die Amerikaner mit ihrer F-35 haben, sind bekannt und sprechen für sich.

 

Traditionell waren die russischen Flugabwehrsysteme sehr gut und schon im Kalten Krieg hatte die Nato großen Respekt vor den sowjetischen Systemen. 2007 haben die Russen ihr neuestes Flugabwehrsystem S-400 „Triumph“ eingeführt, das mit einer Reichweite von 380 Kilometern seinem amerikanischen Gegenpart „Patriot“, das nur eine Reichweite von 45 Kilometern hat, weit überlegen ist. Reichweite ist bei solchen Systemen natürlich nicht alles, aber schon die Sorgen, die die modernen israelischen Streitkräfte sich machen, seit Syrien Ende 2018 das alte Vorgängermodell S-300 bekommen hat, sprechen für sich.

 

Nun weiß niemand, was hinter den Kulissen im Geheimen vor sich geht. Manche amerikanischen Waffen wurden lange geheim gehalten, wie zum Beispiel der erste Tarnkappenbomber F-117. Er wurde 1983 in Dienst gestellt und erst 1988 wurde dessen Existenz offiziell überhaupt bestätigt. Auch haben die USA im Kalten Krieg die Legende von der sowjetischen militärischen Überlegenheit gerne offiziell bestätigt, um mit dieser Begründung mehr Geld für die eigene Rüstung zu fordern, obwohl sie wussten, dass die Sowjetunion in Wirklichkeit militärisch unterlegen war.

 

Andererseits ist Russland unter Putin nicht die Sowjetunion unter der Altherrenmannschaft von Breschnew & Co. Während die Sowjetunion sich auf einen ruinösen Rüstungswettlauf eingelassen hat, den sie nicht gewinnen konnte, hat Putin von vornherein auf eine asymmetrische Reaktion gesetzt, die sich Russland finanziell leisten kann.

 

Aber trotz aller Vorbehalte, die man ja haben kann, ist es doch erstaunlich, was Russland mit einem Verteidigungsbudget auf die Beine gestellt hat, das weniger als 10% des Pentagon-Budgets beträgt. Während die USA inzwischen über 700 Milliarden Dollar pro Jahr ins Militär investieren, sind es bei den Russen nur um die 50 Milliarden. Und selbst wenn man berücksichtigt, dass die USA im Gegensatz zu Russland nicht nur elf große und neun kleinere Flugzeugträger im Dienst haben und außerdem über hundert Militärbasen in der ganzen Welt unterhalten, sind die Kosten immer noch immens.

 

Außerdem sind die US-Waffensysteme in der Regel teurer, als die Waffensysteme der Konkurrenz. So ist einer der Gründe, warum die Türkei das russische S-400 anstatt der Patriot anschafft, die Tatsache, dass die Patriot ein Vielfaches der S-400 kostet. Diese hohen Kosten sind ein Hinweis auf ein ineffizientes System im Pentagon, von dem man immer wieder hört. Es ist oft die Rede davon, dass das Pentagon externe Leistungen bei privaten Firmen viel zu teuer einkauft und wenn man sich die Probleme bei der F-35 anschaut, ist es möglicherweise auch so, dass das Pentagon den Waffenherstellern ebenfalls völlig überhöhte Kosten durchgehen lässt, ohne sich zumindest Qualitätsgarantien geben zu lassen. Und das geht zulasten des US-Haushaltes und zugunsten der Profite der Rüstungsunternehmen.

 

Auch die Chinesen haben anscheinend in vielen Gebieten zu den USA aufgeschlossen. Die früher „uneinholbare“ technische Überlegenheit der USA auf militärischem Gebiet scheint jedenfalls der Vergangenheit anzugehören, obwohl die USA ein Vielfaches von dem ausgeben, was Russland oder China in ihr Militär investieren.

Gorbatschow veröffentlicht einen wichtigen und intelligenten Appell gegen ein neues Wettrüsten

Der Spiegel berichtet von einem Gastbeitrag, den Gorbatschow in der russischen Zeitung „Vedomosti“ über den Ausstieg der USA aus dem INF-Vertrag geschrieben hat. Der Spiegel redet sogar davon, dass Gorbatschow „deutliche Worte“ findet. Nur verschweigt der Spiegel diese deutlichen Worte, die Gorbatschow geschrieben hat und zitiert nur sehr wenige Halbsätze.

In seinem Artikel bleibt der Spiegel bei seiner neuen Sprachregelung und verschweigt weitgehend, dass die USA diesen wichtigen Abrüstungsvertrag einseitig gekündigt haben und schreibt zur Kündigung des INF-Vertrages: „Schließlich setzten beide Seiten den Vertrag aus – sie werfen sich gegenseitig Verstöße vor.“ Die Wahrheit ist aber, dass die USA den Vertrag einseitig kündigen und das auch noch in einer Art und Weise, die im Vertrag gar nicht vorgesehen ist. Aber der Spiegel kritisiert die USA nicht, er bleibt den USA treu, egal gegen wie viele Verträge sie verstoßen oder wie oft sie das Völkerrecht brechen.

Und auch Gorbatschows Kritik kommt im Spiegel nicht wirklich vor. Ich habe daher den Gastbeitrag von Gorbatschow, der unter der Überschrift „Im atomaren Wettlauf gibt es keine Sieger“ in der russischen „Vedomosti“ veröffentlicht wurde, übersetzt:

Beginn der Übersetzung:

Die Zeitung Wedomosti hat mich gebeten, mich zur Situation im Zusammenhang mit dem Vertrag über das Verbot von Kurz- und Mittelstreckenraketen (INF) zu äußern. Tatsächlich beunruhigt das Schicksal dieses Vertrags Politiker und Menschen auf allen Kontinenten. Ich mache mir auch Sorgen, nicht nur, weil ich im Dezember 1987 den Vertrag mit US-Präsident Ronald Reagan unterzeichnet habe. In den Geschehnissen sehe ich eine weitere Manifestation gefährlicher destruktiver Tendenzen in der Weltpolitik.

Die Idee, die für uns auf dem Weg zum Vertrag die wichtigste Leitlinie war, wurde in einer gemeinsamen Erklärung der Staats-und Regierungschefs der UdSSR und der Vereinigten Staaten zum Ausdruck gebracht, die bei unserem ersten Treffen in Genf angenommen wurde: „Ein Atomkrieg darf nicht zugelassen werden, es kann dabei keine Sieger geben“.

Der Vertrag war der erste Schritt, dem weitere folgten: der Vertrag über die Reduzierung strategischer Atomwaffen (START) und die gegenseitigen Schritte zur Beseitigung eines Großteils der taktischen Atomwaffen. Unsere Staaten haben ihre Militärdoktrinen mit dem Ziel überarbeitet, die Abhängigkeit von Atomwaffen zu verringern. Im Vergleich zum Höhepunkt des Kalten Krieges hat sich die Zahl der Atomwaffen in Russland und den USA um mehr als 80 Prozent verringert.

Der damals eingeleitete Prozess betraf nicht nur Atomwaffen. Das Übereinkommen über die Beseitigung chemischer Waffen wurde unterzeichnet, und die Länder Ost-und Westeuropas einigten sich darauf, ihre Streitkräfte drastisch zu reduzieren. Das war die „Friedensdividende“, die alle und vor allem die Europäer als Folge des Ende des Kalten Krieges erhalten hatten.

In all den Jahren hat der INF-Vertrag der Sicherheit unserer Länder gedient und die Möglichkeit der Stationierung von „Waffen für den nuklearen Enthauptungsschlag“ in der Nähe unserer Grenzen ausgeschlossen. Ich muss hier jedoch auch sagen, dass hochrangige russische Beamte ihn manchmal ungerechter Kritiken unterworfen haben, angeblich hätten wir diese Raketen nicht vernichten dürfen, sie hätten für uns noch mal nützlich sein können. Darauf habe ich entschieden geantwortet. Aber in letzter Zeit hat Russland eine klare Position für die Erhaltung des Vertrags eingenommen. Ich hoffe, dass dies ein tieferes Verständnis für die Bedeutung Vertrages und generell für die Fragen der strategischen Stabilität widerspiegelt.

Was in den Jahren, seit der Kalte Krieg beendet ist, erreicht wurde, ist in hohem Maße gefährdet. Die Entscheidung der USA, sich aus der INF-Vertrag zurückzuziehen, droht, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Und es war nicht der erste Schritt. Die Vereinigten Staaten weigerten sich, den Atomteststop-Vertrag zu ratifizieren. Als Folge einer einseitigen Entscheidung der USA im Jahr 2002 haben sie den Vertrag über die Begrenzung von Systemen zur Raketenabwehr (ABM) gekündigt. Von den drei Säulen der globalen strategischen Sicherheit – ABM, INF und START – ist nur noch der NEW-START-Vertrag übrig, der von den Präsidenten Medwedew und Obama im Jahr 2010 unterzeichnet wurde. Aber auch sein Schicksal ist ungewiss. Nach Aussagen von Vertretern der amerikanischen Regierung zu urteilen, kann auch er bald „in die Geschichte eingehen“.

Was ist passiert? Welche Bedrohung zwingt Amerika zur Zerstörung des Systems zur Begrenzung von Nuklearwaffen, das der Welt seit Jahrzehnten dient? Die Kündigung des INF-Verrages sollte gemäß Vertrag eine „Erklärung über die außergewöhnlichen Umstände enthalten, die nach Ansicht der kündigenden Partei ihre höchsten Interessen bedrohen“. Das heißt, der Staat, der einen so ernsten Schritt unternimmt, sollte der Weltgemeinschaft erklären, was ihn dazu bringt, das Gebäude der internationalen Sicherheit einzureißen.

Wo ist diese Bedrohung für die „höchsten Interessen“ der US-Sicherheit? Ein Land, dessen Militärausgaben die Ausgaben aller möglichen Rivalen um ein vielfaches übersteigen? Haben die Vereinigten Staaten gegenüber der Weltgemeinschaft, der Öffentlichkeit und dem UN-Sicherheitsrat, der geschaffen wurde, um solche, die Welt bedrohenden Probleme zu diskutieren und zu lösen, eine solche Erklärung abgegeben? Nein, das ist nicht geschehen. Stattdessen gibt es Anschuldigungen gegen Russland wegen angeblicher Verstöße, die selbst für erfahrene Spezialisten nur schwer zu verstehen sind. Und die Diskussion über diese Behauptungen erfolgte im Stile von Ultimaten.

Um ihre Position zu untermauern, beziehen sich die Vereinigten Staaten auch auf das Vorhandensein von Mittelstreckenraketen in anderen Ländern, insbesondere in China, Iran und Nordkorea. Aber das ist nicht überzeugend. Die Vereinigten Staaten und Russland besitzen immer noch mehr als 90 Prozent der weltweiten Atomwaffen. In diesem Sinne sind unsere beiden Länder tatsächlich noch „Supermächte“. Die Atomwaffenarsenale anderer Länder sind 10 bis 15 Mal kleiner. Wenn der Prozess der Reduzierung von Atomwaffen fortgesetzt würde, müssten sich natürlich irgendwann andere Länder, darunter Großbritannien, Frankreich und China, dem INf-Vertrag anschließen. Das war unser Verständnis zu dem Zeitpunkt, als wir den Prozess der nuklearen Abrüstung in Gang setzten, und diese Länder haben wiederholt das entsprechende politische Interesse bekräftigt. Aber es ist schwierig, von ihnen Zurückhaltung zu verlangen, wenn eine der Supermächten die Selbstbeschränkung aufhebt und ihr Atomwaffenarsenal ausbauen will.

Wir können nicht umhin, zu dem Schluss zu kommen, dass hinter der Entscheidung der USA, sich aus dem Vertrag zurückzuziehen, nicht die Gründe stehen, auf die sich amerikanische Führer berufen, sondern ein ganz anderer Grund: Der Wunsch der Vereinigten Staaten, sich von allen Beschränkungen im Bereich der Rüstung zu befreien, um eine absolute militärische Überlegenheit zu erlangen. „Wir haben viel mehr Geld als jedes andere Land“ sagte Präsident Trump „und wir werden unsere Rüstung aufbauen, bis sie zur Vernunft kommen“. Man muss davon ausgehen, dass sie der Welt ihren Willen zu diktieren wollen, welche Gründe gibt sonst?

Aber das ist ein illusorisches Ziel, eine unerfüllbare Hoffnung. Die Hegemonie eines Landes ist in der modernen Welt unmöglich. Das Ergebnis der aktuellen destruktiven Wende wird ganz anders aussehen: Die Destabilisierung der globalen strategischen Situation, ein neues Wettrüsten, eine zunehmend chaotische und unberechenbare Weltpolitik. Die Sicherheit aller Länder, einschließlich der USA, wird darunter leiden. Das ist die natürliche Logik aller unkontrollierbaren Prozesse.

Der US-Präsident sagte, die USA hoffen, einen neuen, „guten“ Vertrag abzuschließen. Was für einen Vertrag? Einen Vertrag über den Ausbau der Rüstung? Ich denke, dass niemand sich von diesem Versprechen in die Irre führen lassen sollte, wie auch von der Erklärung von US-Außenminister Pompeo, dass die Vereinigten Staaten „keine Pläne haben, sofort neue Raketen zu stationieren“. Das bedeutet nur, dass die Vereinigten Staaten diese Raketen noch nicht besitzen. Und diese Zusicherungen überzeugten die Europäer eindeutig nicht. Sie sind alarmiert und man kann sie verstehen. Alle erinnern sich noch an die „Raketenkrise“ der frühen 1980er Jahre, als Hunderte Raketen auf unserem Kontinent stationiert waren: sowjetische SS-20 und amerikanische „Pershings“. Und jeder weiß, dass eine neue Runde des Raketenwettrüstens noch gefährlicher sein wird.

Ich begrüße die Bemühungen der europäischen Länder, den INF-Vertrag zu retten. Die EU forderte die USA auf, „die Folgen eines Austritts aus dem Vertrag für die eigene Sicherheit, die Sicherheit ihrer Verbündeten und der Welt zu berücksichtigen“. Bundesaußenminister Heiko Maas, der davor warnte, dass „die Kündigung des INF-Vertrages viele negative Folgen haben wird“, reiste nach Moskau und Washington und versuchte, eine Lösung für das Problem zu finden. Es ist schade, dass dieser Versuch keine Ergebnisse gebracht hat, aber es ist notwendig, die Anstrengungen fortzusetzen – zu viel steht auf dem Spiel.

Diejenigen, die den Vertrag beerdigen wollen, sagen, dass sich die Welt seit seinem Abschluss stark verändert hat und der Vertrag einfach überholt ist. Das erste ist sicherlich wahr, aber das zweite ist zutiefst falsch. Die Veränderungen, die sich in der Welt vollzogen haben, erfordern nicht die Ablehnung von Abkommen, die nach dem Ende des Kalten Krieges die Grundlage für die internationale Sicherheit geschaffen haben, sondern eine weitere Bewegung hin zum Endziel der Beseitigung von Atomwaffen. Das sollte im Mittelpunkt unserer Bemühungen stehen.

Ich möchte mich an die Amerikaner wenden, insbesondere an die Mitglieder der Kongresses, an Republikaner und Demokraten. Ich bedauere, dass die aktuelle innenpolitische Lage in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren dazu geführt hat, dass der Dialog zwischen unseren Ländern zu fast allen Themen, einschließlich den Atomwaffen, beendet wurde. Es ist an der Zeit, den Streit zwischen den amerikanischen Parteien zu überwinden und ernsthafte Gespräche zu beginnen. Ich bin sicher, dass Russland dazu bereit sein wird.

Wir brauchen neue Ideen, die dazu beitragen würden, die Beziehungen zwischen Russland und Amerika wieder in Bewegung zu bringen. Hierbei spielen die Experten eine wichtige Rolle. Kürzlich haben der ehemalige US-Außenminister George Shultz und ich in einem Artikel, der in der „Russkaya Gazeta“ und in der „Washington Post“ veröffentlicht wurde, dazu aufgefordert, ein nichtstaatliches Forum russischer und amerikanischer Experten zu schaffen, um über die Veränderungen in der internationalen Sicherheit zu diskutieren und Lösungsvorschläge für die Regierungen unserer Länder zu entwickeln.

Das Wichtigste, was ich fordern möchte, ist ein ernsthaftes Umdenken bei den Politikern. Die Militarisierung des Denkens führte zur Militarisierung des Verhaltens der Staaten, zu militärischen Einsätzen in Jugoslawien, Irak, Libyen und anderen Ländern. Die Folgen werden noch sehr lange spürbar sein.

Der Schlüssel zur Lösung von Sicherheitsproblemen liegt nicht in Waffen, sondern in der Politik. Die beunruhigenden Ereignisse der vergangenen Wochen lassen keine wohlwollende Reaktion erwarten. Aber sie sollten auch nicht zu Panik führen. Es ist notwendig, die geschaffene Situation zu analysieren und vor allem zu handeln, um zu verhindern, dass die Welt in ein Wettrüsten, in eine Konfrontation, in Feindschaft abgleitet. Komme, was wolle, ich glaube, dass wir das schaffen können.

Ender der Übersetzung

Wenn es Sie interessiert, wie die russische Sicht auf die aktuellen Probleme der Weltpolitik ist, dann empfehle ich Ihnen, sich die Beschreibung zu meinem Buch anzusehen, die in dem Link unter dem Text zu finden ist. Ich habe dort Putin selbst in ausführlichen Zitaten zu Wort kommen lassen, sodass der Leser sich selbst ein Bild von dem machen kann, was Putin tatsächlich will. Ich bin sicher, sehr vieles davon wird für Sie neu und überraschend sein.

 

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