Geopolitische Ziele Putins

Tattoos der Asow-Kämpfer in Mariupol 

Tattoos der Asow-Kämpfer in Mariupol 

20. Mai 2022

Westliche Medien und Politiker behaupten immer wieder, Wladimir Putin wolle die EU schwächen und spalten und strebe überhaupt eine imperiale Ausdehnung Russlands auf die übrigen Länder der früheren Sowjetunion an. Insbesondere die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen beschwören ständig die Gefahr, von Russland wieder geschluckt zu werden und sehen sich durch den derzeitigen Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine darin bestätigt. Doch die Reden Putins, die er während seiner Präsidentschaft zur Thematik gehalten, und in ihnen die geopolitischen Ziele Russlands dargelegt hat, sprechen allesamt eine andere Sprache. Sie müssen in jede fundierte Urteilsbildung einbezogen werden.

Der frühere Experte für Osteuropa in Versicherungs- und Finanzdienstleistungs-Unternehmen in Russland, Thomas Röper, der seit 15 Jahren in Russland lebt, hat bereits am 15. März 2020 in einem Vortrag in Hamburg1 eingehend auf vor allem drei Reden Putins hingewiesen, die er geradezu als historisch bezeichnet. Alle drei hatten geopolitische Themen zum Inhalt: die Rede Putins vor dem deutschen Bundestag im Jahre 2001, seine Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 und seine Ausführungen vor der UNO-Vollversammlung im Jahr 2015.

Die Rede im Deutschen Bundestag

Putin durfte als erster russischer Regierungschef am 25.9.2001 – nur zwei Wochen nach den Ereignissen des 11. September 2001 in den USA – eine Rede im Bundestag halten. Dort habe man, so Thomas Röper, im Kern alle Punkte seiner Politik aus erster Hand auf Deutsch hören können, Punkte, die alle praktisch unverändert bis heute seine Politik bestimmten.2

Verhältnis zu Deutschland

Über Deutschland habe Putin u.a. gesagt:
„Russland hegte gegenüber Deutschland immer besondere Gefühle. Wir haben Ihr Land immer als ein bedeutendes Zentrum der europäischen und der Weltkultur behandelt, für deren Entwicklung auch Russland viel geleistet hat. Kultur hat nie Grenzen gekannt. Kultur war immer unser gemeinsames Gut und hat die Völker verbunden.“

Die Russen seien sehr geschichtsbewusst, so Thomas Röper. Im Unterschied zu den Deutschen gehe das Geschichtsbewusstsein Russlands jedoch über Jahrhunderte zurück, während in der deutschen Wahrnehmung die NS-Zeit einen Einschnitt bedeute und das deutsche Geschichtsbewusstsein sich sehr oft auf politische Allianzen nach 1945 beschränke. Der zweite Weltkrieg mit seinen 25 Millionen Opfern auf Seiten der Sowjetunion sei auch in Russland immer noch wichtig und präsent, jedoch sei er aus russischer Sicht keine derartige Zensur wie aus deutscher.
Außerdem hätten, so führe Putin aus, Deutsche Russlands Geschichte sehr stark und positiv geprägt. Und das sei den Menschen in Russland auf Schritt und Tritt bewusst, denn es gebe Straßen, die deutsche Namen tragen, ebenfalls deutsche Stadtteile in vielen russischen Städten, und sogar einige der wichtigsten Regenten in Russland seien Deutsche gewesen oder hätten deutsche Wurzeln gehabt.

Dies müsse man im Hinterkopf haben, wenn man Putins Ausführungen im Deutschen Bundestag zur gemeinsamen Geschichte richtig einordnen wolle:
„Verehrte Kolleginnen und Kollegen, erlauben Sie mir, ein paar Worte zu den deutsch-russischen Beziehungen zu sagen – ich möchte das gesondert betrachten -. Die russisch-deutschen Beziehungen sind ebenso alt wie unsere Länder. Die ersten Germanen erschienen Ende des ersten Jahrhunderts in Russland. Am Ende des 19. Jahrhunderts bildeten die Deutschen in Russland die neuntgrößte Minderheit. Aber nicht nur die Zahl ist wichtig, sondern natürlich auch die Rolle, die diese Menschen in der Entwicklung des Landes und im deutsch-russischen Verhältnis gespielt haben: Das waren Bauern, Kaufleute, die Intelligenz, das Militär und Politiker. Zwischen Russland und Amerika liegen Ozeane. Zwischen Russland und Deutschland liegt die große Geschichte.
Es ist wichtig, diese Geschichte richtig zu deuten. Wie ein guter westlicher Nachbar verkörperte Deutschland für Russen oft Europa, die europäische Kultur, das technische Denkvermögen und kaufmännisches Geschick. Nicht zufällig wurden früher alle Europäer in Russland Deutsche genannt und die europäische Siedlung in Moskau
 zum Beispiel ´Deutscher Vorort`.“

Angebote zur Kooperation

Putin, damals noch unerfahren in der Geopolitik und durchaus naiv, wie er später selber zugegeben habe, habe im Bundestag eine Vision angesprochen, die später zum Kernproblem zwischen „dem Westen“ und Russland geworden sei:
„Niemand bezweifelt den großen Wert der Beziehungen Europas zu den Vereinigten Staaten. Aber ich bin der Meinung, dass Europa seinen Ruf als mächtiger und selbständiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen wird, wenn es seine eigenen Möglichkeiten mit den russischen menschlichen, territorialen und Naturressourcen sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen Russlands vereinigen wird.“

Putin habe, fährt Thomas Röper fort, hier Europa, also der EU, ein deutliches Angebot zur Kooperation, zu einem Zusammengehen gemacht, von dem beide Seiten profitieren würden.
Doch ein solches Zusammengehen hätte die Macht der USA in Europa – das für sie zudem gerade ein  unersetzlicher Brückenkopf zur Ausdehnung ihres Einflusses nach Eurasien bildet – gewaltig eingeschränkt.
Und genau darin liege der Grund, sagt auch Röper, warum Putins Vorschlag, den er immer wieder erneuert habe, im von den USA dominierten Westen nicht einmal diskutiert werde.
– Die Deutschen müssen wohl nach dieser Rede Putins hinter den Kulissen von den USA sofort gewarnt und zurückgepfiffen worden sein. –

Und nun macht Thomas Röper auf einen interessanten Hintergrund aufmerksam: 2015 habe ein russischer Journalist in einem Interview Putin gefragt, ob er enttäuscht sei, dass seine ausgestreckte Hand vom Westen in all den Jahren nie angenommen wurde. In seiner Antwort habe Putin erzählt, wie er zu dieser Idee des Zusammengehens mit Europa gekommen sei:

2001, als ich im Bundestag sagte, dass wir uns zusammentun sollten, zusammen in die Zukunft gehen, einen gemeinsamen Raum aufbauen, da hörte sich das an, als wären das meine eigenen Ideen und Vorschläge. Tatsächlich war das nicht meine Idee. 1992 oder 1993 nahm mich der damalige Bürgermeister von St. Petersburg, Sobtschak, mit nach Bonn zu Kanzler Kohl. Und plötzlich bat Kohl alle Teilnehmer, den Raum zu verlassen, auch die Dolmetscher, und dann habe ich übersetzt. Und da habe ich zum ersten Mal gehört, von Kohl, von dem Kanzler, der noch in seinem Bungalow in Bonn war und nicht in Berlin. Und er sagte plötzlich: ´Ich sehe Europas Zukunft nicht ohne Russland.` Für mich, als ehemaligen Offizier der Auslandsaufklärung, war das völlig unerwartet. Aber ich fand es sehr interessant.

Und er begann sehr überzeugt zu erzählen, warum er das meinte. Er sagte: ´Auf der Welt entstehen neue mächtige Giganten, neue Machtzentren in Asien.` Er sagte, die USA würden sich mit der Zeit mehr und mehr um ihre eigenen Interessen kümmern und um den amerikanischen Kontinent. – Übrigens passiert ja jetzt genau das (Putin lacht). Genauso, wie Kohl es 1992 gesagt hat, so passiert es jetzt. – Kohl sagte: ´Damit Europa als Zivilisation erhalten bleibt, müssen wir uns mit Russland zusammentun. Mit seiner Größe, seinen unendlichen Reichtümern und seiner uns kulturell so verwandten Bevölkerung, mit seiner Wissenschaft und seiner militärischen Macht. Wenn wir all das zusammentun, dann bleibt Europa ein Machtzentrum in der Welt.`
So hat er das damals gesagt. Ich habe das nur umformuliert und im Bundestag gesagt. Ich konnte da 
ja schlecht ihn als Urheber nennen, aber ich habe diese Position seitdem geteilt, und ich teile sie auch heute. Aber leider ist es so nicht gekommen. Was habe ich in München 2007 gesagt? Ein Land, die USA, wollen nun ihr eigenes Recht auch außerhalb ihres Territoriums anwenden. Das wird aber niemand freiwillig zulassen.“

Die Rede in München 2007

Vor der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 3, fährt Thomas Röper fort, habe Putin ausführlich ausgeführt, warum das monopolare Modell in seinen Augen für die Welt ungeeignet sei. Monopolares Modell bedeute die Vorherrschaft eines Landes über die Welt. – Das sei, wenn auch in der Sprache der Diplomaten, ein Frontalangriff auf den Anspruch der USA gewesen, die Welt zu dominieren.

Anschließend habe Putin beschrieben, wie seiner Ansicht nach das Ergebnis dieser Vorherrschaft der USA aussehe. Wenn man dieses (folgende) Zitat höre, müsse man sich vor Augen führen, dass Putin dies 2007 gesagt habe, also lange vor dem Krieg in Syrien, dem Krieg in Libyen oder dem Maidan mit dem folgenden Krieg in der Ukraine. Putins Worte klängen aus heutiger Sicht, 13 Jahre später, fast schon prophetisch:

„Einseitige, oft nicht legitime Handlungen haben nicht ein einziges Problem gelöst. Vielmehr waren sie Ausgangspunkt neuer menschlicher Tragödien und Spannungsherde. Urteilen Sie selbst: Kriege, lokale und regionale Konflikte sind nicht weniger geworden. Herr Teltschik hat ganz leicht daran erinnert. Und es sterben nicht weniger Menschen bei diesen Konflikten als früher, sondern sogar mehr, bedeutend mehr!

Heute beobachten wir eine fast unbegrenzte, hypertrophierte Anwendung von Gewalt – militärischer Gewalt – in den internationalen Beziehungen, eine Gewalt, welche eine Sturmflut aufeinander folgender Konflikte in der Welt auslöst. Im Ergebnis reichen dann die Kräfte nicht mal für eine komplexe Lösung wenigstens eines dieser Konflikte aus. Eine politische Lösung ist ebenfalls unmöglich.

Wir sehen eine immer stärkere Nichtbeachtung grundlegender Prinzipien des Völkerrechts. Mehr noch: Bestimmte Normen, ja eigentlich das gesamte Rechtssystem eines Staates, vor allem natürlich der Vereinigten Staaten, hat seine Grenzen in allen Sphären überschritten: sowohl in der Wirtschaft, der Politik und im humanitären Bereich wird es anderen Staaten übergestülpt. Nur, wem gefällt das schon?
(…)
Das ist allerdings äußerst gefährlich. Es führt dazu, dass sich schon niemand mehr sicher fühlt. Ich will das unterstreichen: Niemand fühlt sich mehr sicher! Weil sich niemand mehr hinter dem Völkerrecht wie hinter einer schützenden Wand verstecken kann. Eine solche Politik erweist sich als Auslöser für das Wettrüsten.

Die Dominanz des Faktors Gewalt löst in einer Reihe von Ländern den Drang nach dem Besitz von Massenvernichtungswaffen aus. Mehr noch: Es erschienen ganz neue Bedrohungen, die zwar früher schon bekannt waren, aber heute globalen Charakter annehmen, wie der Terrorismus.“

 Putin habe immer die einseitigen Kriege der USA kritisiert. Zur Anwendung militärischer Gewalt habe er damals gesagt (und das wiederhole er bei jeder Gelegenheit):
Ich bin überzeugt, dass der einzige Mechanismus zur Entscheidung über die Anwendung von Gewalt als letzte Maßnahme nur die UN-Charta sein darf. (…) Legitim ist eine Anwendung von Gewalt nur dann zu nennen, wenn ihr ein UNO-Beschluss zugrunde liegt. Und man darf die UNO nicht durch die NATO oder die EU ersetzen.“

Einschub:
Mit seinem militärischen Eindringen in die Ukraine scheint nun Putin selbst schwer gegen die UN-Charta verstoßen zu haben. Doch selbst der US- Menschenrechtler Prof. Daniel Kovalik, der Internationale Menschenrechte an der Universität von Pittsburgh School lehrt, hält diesen natürlich sofort im Westen erhobenen Vorwurf nicht für gerechtfertigt. Er weist darauf hin, dass die Regierung in Kiew seit 8 Jahren Krieg gegen die russischsprachige Bevölkerung des Donbass führt. … Ein Krieg, der bereits bis heute rund 14.000 Menschen das Leben gekostet hat, darunter viele Kinder, und noch vor der russischen Militäroperation rund 1,5 Millionen Menschen vertrieben hat – war wohl auch ein Völkermord. Das heißt, die Regierung in Kiew und insbesondere ihre neonazistischen Bataillone führten bewaffnete Angriffe gegen dieses Volk durch, mit der Absicht, die ethnischen Russen zumindest teilweise aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu vernichten.“ Hinzu komme, dass weit über 500.000 Einwohner der Donbass-Region in der Ukraine auch russische Staatsbürger seien.

Während die UN-Charta einseitige Kriegshandlungen verbiete, sieht sie in Artikel 51 auch vor, dass ´nichts in dieser Charta das inhärente Recht auf individuelle oder kollektive Selbstverteidigung beeinträchtigt`. Und dieses Recht auf Selbstverteidigung wurde so ausgelegt, dass es den Staaten erlaubt, nicht nur auf tatsächliche bewaffnete Angriffe, sondern auch auf die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs zu reagieren.“ 4

Rede vor der UN-Vollversammlung 2015

Thomas Röper fährt fort, dass Putin in seiner Rede vor der UNO 2015 5 praktisch kein Blatt mehr vor den Mund genommen habe. Putin sei für eine Stärkung der UNO als dem Ort, in dem die Staaten nach Kompromissen suchen und diese auch befolgen. Habe sich gegen alle Versuche gewandt, die UNO weiter zu schwächen und erklärte, wozu es führen werde, wenn Staaten (er habe damit wieder den Westen unter der Führung der USA gemeint) sich über die UNO hinwegsetzten oder sie marginalisieren wollten:
„Das kann zu einem Einsturz der gesamten Architektur der internationalen Beziehungen führen. Dann werden uns wirklich keine Regeln bleiben, außer dem Recht des Stärkeren. Das wird eine Welt sein, in der statt kollektiver Arbeit der Egoismus herrschen wird, eine Welt mit immer mehr Diktat und immer weniger Gleichberechtigung, echter Demokratie und Freiheit, eine Welt, in der anstelle wirklich souveräner Staaten die Zahl der Protektorate und von außen gesteuerten Territorien zunehmen wird.“

Putin sei ausgesprochen geschichtsbewusst und keineswegs ein Verfechter der Politik der damaligen Sowjetunion, wie ihm im Westen gerne unterstellt werde. Er habe weiter ausgeführt:
Wir alle sollten nicht die Erfahrungen der Vergangenheit vergessen. Wir (in Russland) haben etwas Beispiele aus der Geschichte der Sowjetunion im Gedächtnis. Der Export von sozialen Experimenten, die Versuche, Veränderungen in diesen oder jenen Staaten auf der Basis der eigenen ideologischen Vorstellungen herbeizuführen, führen oftmals zu tragischen Folgen, brachten nicht den Fortschritt, sondern eine Verschlechterung. Wie es jedoch aussieht, lernt niemand aus den Fehlern der anderen, sondern wiederholt sie nur. Und der Export von sogenannten ´demokratischen` Revolutionen setzt sich fort.“

Dann sei er auf Nordafrika und den Nahen Osten gekommen, die Politik der USA in diesen Regionen, zu sprechen gekommen, die vom Westen mitgetragen werde. Über die Folgen dieser Politik habe er gesagt:
„Es genügt, auf die Situation im Nahen Osten und in Nordafrika zu schauen. Gewiss, die politischen und sozialen Probleme häuften sich in diesen Regionen seit langem und die Menschen wollten Veränderungen. Doch was passierte in Wirklichkeit? Eine aggressive äußere Einmischung führte dazu, dass anstelle der Reformen die staatlichen Institutionen und die Lebensweise der Menschen rücksichtslos zerstört wurden. Staat des Triumphs von Demokratie und Fortschritt gibt es Gewalt, Armut und soziale Katastrophen, während die Menschenrechte, einschließlich des Rechts auf Leben, keinen Wert mehr haben. Man möchte diejenigen fragen, die diese Situation geschaffen haben:
Seht Ihr jetzt endlich, was Ihr angerichtet habt?

Das russisch-europäische Verhältnis

Thomas Röper betont, dass aus diesen Reden Putins eines deutlich werde: Er kritisiere massiv und ganz offen die USA, finde aber keine schlechten Worte für die Europäer. Vielmehr bedauere er sie oft unverblümt, denn in seinen Augen unterstützten die Europäer die USA sehr oft zu ihrem eigenen Schaden.

Putin spricht dann immer davon, dass die Europäer ihre Souveränität abgegeben haben und bedauert sie dafür. Er plädiert für souveräne Staaten, die ihre eigenen Interessen verfolgen und die Interessen anderer respektieren. Nur so lassen sich aus seiner Sicht tragfähige Kompromisse finden, von denen alle Beteiligten profitieren. Und eine solche Politik verhindert Kriege, weil sie auf dem Respekt vor den Interessen der ´Partner`, wie er sie nennt, aufbaut.
Putin plädiert also dafür, dass sich die EU von den USA emanzipiert und endlich eine Politik macht, die ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellt, anstatt den Interessen der USA – oft zum eigenen Nachteil – zu dienen.“

Putin wolle also nicht die EU schwächen, spalten, destabilisieren. Denn eine solche EU könne sich nicht von den USA abnabeln. Wenn Putin eine Emanzipation der EU von den USA möchte, dann könne er nur eine starke und keine schwache EU wollen. Und dass Putin seine internationalen Partner nicht unterjochen oder dominieren möchte, zeige seine Politik deutlich.

Die Partnerschaft in den GUS-Ländern

Mit GUS-Ländern, die Russland dominieren könnte, verfahre Putin partnerschaftlich und auf Augenhöhe. Ein in Deutschland wenig bekanntes Beispiel sei Kasachstan. Während westliche Medien Russland vorwürfen, mit der Eurasischen Wirtschaftsunion die ehemaligen GUS-Staaten dominieren zu wollen, sei das Projekt in Wirklichkeit eine Idee des kasachischen Präsidenten gewesen.

Im Gegensatz zu  internationalen Organisationen im Westen gebe es bei den Organisationen, an deren Gründung Russland mitgearbeitet habe, keine dominierende Macht, alle Mitgliedstaaten seien, unabhängig von ihrer Größe, gleichberechtigt mit gleichem Stimmrecht. Die USA dagegen hätten sich bei Weltbank, NATO usw. eine Vormachtstellung gesichert, um die „Partner“ dominieren zu können.

Auch Putins China-Politik zeige, dass Putin auf Ausgleich setze. Russland und China hätten sich jahrzehntelang feindselig gegenübergestanden, sogar ein Krieg sei eine Zeitlang möglich gewesen. Mit einer geduldigen Politik des Ausgleichs habe es Putin geschafft, dass die beiden Rivalen nun enge Partner und auf vielen politischen Feldern sogar Verbündete seien.

Es gebe also keinen Grund anzunehmen, dass Putin im Falle einer Partnerschaft mit der EU anders verfahren würde als beim wesentlich schwächeren Kasachstan oder beim ebenfalls wirtschaftlich starken China.
Putin suche mit jedem Land gemeinsame Interessen, und seien diese gefunden, werde die Zusammenarbeit schrittweise ausgebaut und das oft bis hin zur echten Partnerschaft auf Augenhöhe.
Die Zusammenarbeit mit einem gleichberechtigten Partner, mit dem man Abmachungen treffe, die für beide Seiten vorteilhaft seien, seien zwar anfangs kompliziert, aber langfristig viel einfacher. Der gleichberechtigte Partner werde den getroffenen Vereinbarungen treu bleiben, weil er von ihnen profitiere. Ein dominierter „Partner“ müsse immer wieder mit mehr oder weniger offen sichtbarem Druck „bei der Stange“ gehalten werden.

USA-Albtraum: Starke EU und Zusammengehen mit Russland

Putin wolle also in Wahrheit das Gegenteil von dem, was die westlichen Medien ihm unterstellten. Es seien im Gegenteil die USA, die ein Interesse an einer schwachen EU hätten. Und das sagten sie – zumindest bei sich zuhause – auch ganz offen.
Das könne man vor allem bei den großen Geostrategen der USA lesen wie bei Zbigniew Brzezinski, der unter Präsident Carter Nationaler Sicherheitsberater gewesen sei und danach bis zu seinem Tod 2017 jeden Präsidenten beraten habe. Er habe schon 1997 ein Buch mit dem Titel „Die einzige Weltmacht“ geschrieben, in dem er dargelegt habe, dass die USA, wenn sie einzige Weltmacht bleiben wollten, den eurasischen Kontinent beherrschen müssten.

Da sie nicht alle Länder zwischen Atlantik und Pazifik besetzen könnten, habe er sich ein System aus internationalen Verträgen und Organisationen vorgestellt, die jeweils von den USA dominiert werden und die anderen Länder so an die USA binden. Er habe im Grunde die altbekannte Strategie des „Teilen und Herrschen“ aufgenommen, die schon das römische Reich in der Antike benutzt habe. Das bedeute, dass man auch einzelne Länder in Konflikte miteinander treiben könne, die sich dann zugunsten der USA gegenseitig schwächten.

„Wie einflussreich sein Buch auf die internationale Politik war und ist, dass sieht man an seinen Gedanken zur Ukraine, die für ihn ein strategischer Schlüsselstaat ist. Wichtig war für ihn, die Ukraine dauerhaft von Russland zu trennen, da dies erstens Russland schwächen und zweitens auch einen Keil zwischen Europa und Russland treiben würde, eben das Prinzip „Teile und Herrsche“. Er sprach ganz offen davon, dass die USA Russland schwächen müssten, und auch eine Schwächung der mit den USA verbündeten Europäer sah er als erstrebenwert an.“ 6

Ein Zusammengehen von Europa und Russland sei für die Vordenker der Geopolitik in Washington der größte Albtraum, denn die USA sähen es so, dass diese Allianz tatsächlich zu einem internationalen Machtzentrum würde. Und eine solche Schwächung der eigenen Position könnten die USA um keinen Preis zulassen, wenn sie ihre Rolle als einzige Weltmacht auf Dauer erhalten wollten.

Ein weiteres Beispiel ist George Friedman, seines Zeichens ebenfalls ein Geostratege. Er sagte in einer Pressekonferenz 2015, dass die USA seit über hundert Jahren vor allem ein Interesse verfolgen, nämlich eine Allianz zwischen Deutschland und Russland zu verhindern, da Russlands Ressourcen und Deutschlands Know-How vereinigt die größte Gefahr für die weltweite Vorherrschaft der USA darstelle. 7
Die Liste derartiger Aussagen in Washington ist lang, dies ist also keine Verschwörungstheorie, sondern das sind die Aussagen derer, die als Berater die US-Außenpolitik bestimmen.“

Der tatsächliche Gegner der Europäer, der sie schwächen (oder schwach erhalten) möchte, seien die USA. Russland unter Putin möchte das Gegenteil erreichen: Es sei an einer Stärkung der Europäer interessiert, denn nur das könne zu dem von Putin angestrebten „gemeinsamen Raum von Lissabon bis Wladiwostok“ führen.

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Artikel auch zum Hören –
Sprecher: Nikolas Gerdell:


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Anmerkungen:
1   In: Deutschland-Journal 2020 der Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft, S. 33 f.
2   Die Rede kann jeder hier anhören: bundestag.de 25.9.2001 (deutsch ab min. 2:35)
3   Zur Rede: ardmediathek.de/video/dokumentationen/10-02-2007 (ab min. 2:30)
4   s. im Detail: deutsch.rt.com 7.5.2022
5   s. https://www.youtube.com/watch?v=qTjVtC9MTsg
6   s. ausführlicher: fassadenkratzer.wordpress.com 11.3.2022
7   Video: https://www.youtube.com/watch?v=kjenOHMbH_A

https://fassadenkratzer.wordpress.com/2022/05/20/die-geopolitischen-ziele-putins/

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